Samstag, 14. Mai 2016

Ein Bubentraum: im Führerstand durch den Gotthard

Normalerweise ist es ja so, dass man zum Wandern irgendwo hinfährt, einige Worte über die Reise verliert und dann ausgiebig über die Wanderung berichtet. Diesmal ist es genau umgekehrt. Ich kann nämlich heute ein einmalig schönes Geburtstagsgeschenk einlösen. Auch in einem alten Mann steckt halt noch ein bisschen ein Kind - und was ich heute erlebe, ist ein alter Bubentraum. Ich wollte doch Lokomotivführer werden - handwerklich begabt war ich eben nicht, ich ging andere Wege. Und heute darf ich im Führerstand stehen, nicht in einem Mandarinli von Ittigen nach Papiermühle, sondern in einer Re 4/4 von Arth-Goldau nach Locarno. 


10 Minuten vor Abfahrt des Zuges treffe ich mich am Bahnhof Arth-Goldau mit Paul Jauch. Er hat 40 Jahre als Lokomotivführer gearbeitet und begleitet heute Führerstandsfahrten. Er wird mir unterwegs viel über die Gotthardbahn erzählen. Mich freut es, dass man sich im Führerstand grundsätzlich duzt - und so fühle ich mich mit ihm und Lokomotivführer Erwin auf Anhieb sehr wohl.

Als Fotograf bin ich heute gefordert. Es regnet in Strömen, der Scheibenwischer ist ständig in Bewegung. Zum Glück rauscht meine Kamera auch in höheren ISO-Bereichen nur wenig. Zumindest wird die Frontscheibe immer wieder frisch gewaschen, aber der Scheibenwischer fährt immer wieder unerwartet ins Bild.




Unterwegs erklärt mir Paul die Sicherheitssysteme. Da ist einerseits das ZUB. Dieses überwacht die Geschwindigkeit des Zuges zwischen Vor- und Hauptsignalen. Der Lokomotivführer fährt so, wie es die Aussensignale verlangen. Auf den Neubaustrecken kommt das ETCS, die Führerstandssignalisation, zum Einsatz. Dem Lokomotivführer werden mobile Daten auf einen Bildschirm übertragen.


Hier bei der Einfahrt in den Basistunnel gilt das ETCS - und nach Erstfeld wieder das ZUB. Durch die ständigen Wechsel der Systeme wird der Lokomotivführer sehr gefordert.






Nach Erstfeld beginnen die Steigungen. Wegen den heftigen Regenfällen muss der Lokomotivführer zur Verbesserung der Adhäsion sanden. Er demonstriert mir, wie die Räder schleifen, wenn er ohne Sand zuviel "Gas" gibt.



Wir fahren unter der Druckleitung des Kraftwerks Amsteg durch. Bald nach Gurtnellen folgt der Pfaffensprungtunnel, ein 360° Kehrtunnel.

Ich erfahre, dass aus Gründen der Adhäsion alle Kehrtunnel maximal 23‰ Steigung haben. Die steilsten Rampen haben 26‰.



Na ja - und schon folgt die berühmte Kirche von Wassen. Ich habe sie zwar drei Mal gesehen, aber nicht drei Mal passabel fotografiert. Dafür gelingt mir im Aussenspiegel eine Aufnahme unseres Zuges.



So sind wir nun in Göschenen, und haben Durst und löschenen. Dieser Spruch stammt vom Wirt und Volksdichter Ernst Zahn. Tempi passati. Das legendäre Bahnhofbuffett Göschenen, wo man zwischen zwei Zügen Mehlsuppe ass, gibt es längst nicht mehr.

Kreuzung im Gotthardtunnel. An der Kantonsgrenze Uri - Tessin steht in einer Nische eine kleine Statue der heiligen Barbara. Auf seiner letzten Dienstfahrt hat Paul Jauch seinen Zug zentimetergenau gehalten und das verschmutzte Schutzglas gereinigt.



Airolo. Das Wetter ist im Tessin nicht besser. Trotzdem ist es ein Erlebnis, die Kehrtunnel der Piottino und der Biaschina hinunterzufahren.


Hier sind wir auf Augenhöhe mit der Autobahn. Mir gefällt die Bahn natürlich besser ...


Kreuzung bei Giornico. Lokomotivführer Erwin konzentriert bei der Arbeit. Kurz vor Biasca kreuzt ein ETR 610, vermutlich als IC Lugano - Zürich unterwegs.






Ein weiterer ETR 610 steht bereit als Testzug.  Mit 250 km/h wird er durch den Basistunnel rasen.



 Zwischen Bellinzona und Locarno befahren wir zwei schöne Kastenbrücken - und nach Ankunft in Locarno darf ich unter Anleitung von Paul schalten und walten wie ein Lokomotivführer ...... Leider befand sich die Lokomotive zwischen Prellbock und Zug. Die Möglichkeit, mit der Lok abzuhauen, ergab sich so nicht. Weit gekommen wäre ich wahrscheinlich nicht ...
Immerhin sieht man ja, dass ich das Metier schon ganz gut beherrsche. Das Foto kommt sicher auf den Fahrausweis ....

Ein Bubentraum eben. Wie haben die Boss-Buebe doch so schön gesungen:


S'isch ja nur äs chlises Träumli gsi ....


Gewandert sind wir am nächsten Tag auch noch - ohne Regen von Losone nach Intragna.